Startseite »  Aktuelles »  Meldungen »  2012 »  Moralisches Profil von Verantwortungsträgern
 
 

13.12.2012

Moralisches Profil von Verantwortungsträgern

In seinem Vortrag „Moral – Privatsache? Moralisches Profil als Kennzeichen von Verantwortungsträgern“ skizzierte Prof. Dr. Dr. Ludger Honnefelder am 5. Dezember 2012 in der Aula der RFH die Bedeutung und die Merkmale eines wirtschaftlichen Handelns, das durch eine Führung in Verantwortung, mit Vertrauenswürdigkeit und aus moralischer Identität geprägt wird.

RFH_Ringvorlesung3_EthikNachhaltigkeit_Honnefelder_05122012_3530_500.jpg

Der Gründungsdirektor des Instituts für Wissenschaft und Ethik der Universität Bonn, in zahlreichen Gremien im Bereich der Ethik tätig, positionierte gleich zu Beginn dieser fachbereichsübergreifenden Ringvorlesung das Vertrauen als Schlüsselkategorie und Grundlage wirtschaftlichen Handelns.

Vertrauen lebe nur in Wechselseitigkeit und es führe zu Reputation, zur Vertrauenswürdigkeit. Es lasse sich nicht in Rahmenordnungen vorgeben, sondern entstehe durch eine „Selbstbindung“ der Beteiligten. So sei eine entsprechende Unternehmensethik als Säule der Wirtschaftsethik zu verstehen, führte der Ethik-Wissenschaftler aus: Sie beruhe auf den moralischen Prinzipien des Einzelnen und sei „nicht von oben zu verordnen“.

 

Modell einer Management-Ethik

Honnefelder setzte neben das gängige „Compliance“-Konzept, das mit der Beachtung von Standards und Anreizen bzw. Bestrafungen arbeite, den „Integrity“-Ansatz, der auf die von innen kommende Motivation des Mitarbeiters setze. Die Realisierung einer Unternehmensphilosophie erfordere demnach die Zustimmung zu gemeinsamen Werten.

Für Vorgesetzte sei dies ein anspruchsvolles Modell, denn es erfordere

Vorgesetzte sähen dann in ihren Mitarbeitern nicht nur Rollenträger als Untergebene, sondern wüssten sie stets als Personen anzusprechen und zu respektieren.

 

Verantwortung als Schlüsselkategorie

Als eine „mehrstellige Relation“ schilderte Honnefelder den Begriff der Verantwortung: Er umfasse mehr als nur den Bezug zwischen A und B, denn Verantwortung werde für etwas, von jemandem, vor jemandem und gemäß bestimmten Kriterien übernommen. Niemand könne daher Verantwortung für alles haben.

Der Ethik-Experte setzte Verantwortung an die Stelle der Pflicht, denn Verantwortung sei nicht nur auf die bestehenden, sondern auch auf künftige Normen hin orientiert. Daher sei es wichtig, die richtigen Normen zu setzen und die damit verbundenen sozialen, weit reichenden Entscheidungen im Blick zu haben.

 

„Was soll ich tun?“

Die Verantwortung vor dem eigenen Selbst bringe den Mitarbeiter zur Übernahme von Verantwortung, erläuterte Honnefelder. Die Frage „Was soll ich tun?“ hänge zusammen mit der Frage eines jeden an sich selbst: „Was will ich sein?“.

Der moralisch Handelnde übernehme dann nicht mehr opportunistisch Aufgaben und Pflichten, sondern er wolle selbst der sein, der moralisch handelt. Leitsatz sei dafür, „den Standpunkt der Moral einnehmen“ zu wollen.

 

Nicht von außen

Landläufig werde Moral verstanden als etwas, das von außen komme. Gemäß Walter Schulz sei sie aber als „Selbsteinsatz aus Freiheit“ zu verstehen: Man wolle einer sein, dem die anderen vertrauen können.

Moralisch orientierte Menschen bänden sich dabei an das als gut Erkannte. Verantwortung setze also ein „Selbstverhältnis“ des Handelnden voraus, der schon vorher wisse, wer er denn sein wolle.

 

Selbststeuerung

Hier verortete Honnefelder das Gewissen, das mit der Vernunft zusammenarbeite, für begleitendes und korrigierendes Nachdenken sorge und somit als Element der Selbststeuerung fungiere.

Gemäß Niklas Luhmann unterschied er zwischen dem personalen und dem biologischen System: Der Mensch könne sein Leben führen, dabei auch an sich selbst scheitern; das Tier hingegen könne lediglich das Leben leben.

Das Gewissen sei die „Selbstthematisierung des personalen Systems“, es sorge für die Ausbildung der persönlichen Identität.

 

Führung und Kooperationsfähigkeit

Mit den Kriterien der Übernahme von Verantwortung und der Selbstbindung an das für gut Erkannte gelangte Honnefelder zu Merkmalen für Leitende. Nicht nur Fähigkeiten seien notwendig, um Leitung übernehmen zu können, sondern eine gewachsene persönliche Identität. Man müsse Führung und Kooperationsfähigkeit erwarten können; seien diese Komponenten zu schwach, dann seien keine Formen des gemeinsamen Handelns mehr möglich.

 

„Moral ist keine Privatsache!“

Honnefelder beschrieb, dass die persönliche Dimension der Moral das Zusammenarbeiten und die Wirtschaft bestimme. Somit könne Moral gar keine Privatsache sein, folgerte er: „Führungskräfte brauchen ein moralisches Profil und eine ausgeprägte Lösungsfähigkeit. Diese ist nicht Psycho-Technik aus Druck und Überreden, sondern eine moralische Leistung.“

 

Mit diesem grundlegenden Vortrag von Prof. Dr. Dr. Honnefelder endete die fachbereichsübergreifende Ringvorlesung des jetzigen Wintersemesters. Weitere Veranstaltungen des Forschungsclusters "Ethik und Nachhaltigkeit" der RFH sind für das kommende Sommersemester in Planung.