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03.06.2015

11 Statements über Journalismus und Mediennutzung

Die RFH konnte für den 28. Mai den Journalisten Rainer Nübel für den Vortrag „Medien, Macht, Ohnmacht“ gewinnen. Der „Journalist des Jahres 2008“, Buchautor („Geheimsache NSU“) und Lehrbeauftragter gab spannende Einblicke hinter die Kulissen der Arbeit von Journalisten.

 

Die Hintergründe von Medienberichterstattungen sind vielen Menschen oft nicht bekannt. Die Folge ist immer häufiger Vertrauensverlust in die Medienberichterstattung. Rainer Nübel weiß aus seiner langjährigen Erfahrung als Lokaljournalist und Mitarbeiter des STERN um die Spielregeln, Geheimnisse, Tricks und Kniffe der Presse und ist der Meinung: „Die mediale Kenntnis in der Öffentlichkeit muss größer werden.“ Das Insiderwissen und die persönlichen Geschichten beeindruckten zahlreiche Zuhörer.

 

Die 11 wichtigsten Statements des passionierten und erfahrenen Journalisten:

 

1. Worin ist der Vertrauensverlust in die Medien begründet?

Zum einen überträgt sich inzwischen die Politikverdrossenheit von zahlreichen Bürgern offensichtlich auch auf die Medien. Zum anderen sind Journalisten zu verschlossen, wenn es notwendigerweise darum geht, die eigenen Spielregeln transparent zu machen – und Fehler, die gemacht wurden und werden.

2. Der größte Skandal im Journalismus

Ich würde eher von Missständen sprechen, da der Begriff „Skandal“ fast schon inflationär geworden ist. Den größten Missstand sehe ich darin, dass es einige „investigative“ Journalisten gibt, die zu behördengläubig sind und sogar dubiose Vertuschungsstrategien von Behörden kritiklos transportieren. Dass dies insbesondere auch im NSU-Komplex geschehen ist, schockiert mich.

3. Was ist der Unterschied zwischen Nachricht und Meinung?

Die Nachricht ist die durch Recherche fundierte Wiedergabe belegbarer Fakten, sachlich und prägnant, ohne Wertung. Sie dient der Informierung der Bevölkerung. Die Meinung – etwa in Form des Kommentars oder des Leitartikels – ist die argumentativ fundierte Analyse und Wertung von Sachverhalten und Ereignissen. Sie dient der Meinungsbildung in einer pluralistischen Gesellschaft.

4. Der größte Irrtum über Lokaljournalismus

Dass es die leichteste, weniger anspruchsvolle Form von Journalismus sei. Es ist vielmehr die schwerste Form, da Infos nicht über Agenturen kommen, sondern selbst recherchiert werden müssen – und Journalisten mit den Protagonisten oder Adressaten kritischer Berichterstattung täglich direkt konfrontiert sind.

5. Der größte Machtfaktor im Journalismus?

Er liegt meines Erachtens im „Privileg“ der Selektion: Journalisten entscheiden, was aus der täglichen Flut an Nachrichten relevant ist und daher für die Berichterstattung ausgewählt wird. Werden die Kriterien dieser Selektion nicht transparent gemacht, empfinden das Medienrezipienten häufig als negative Macht. Was ihr Misstrauen wachsen lässt.

6. Das größte Missverständnis im Journalismus?

Dass große, überregionale Medien wie z. B. Nachrichtenmagazine eine besondere Courage haben, da sie „Skandale“ aufdecken. Vergessen wird dabei, dass es oft schlicht eine Frage der wirtschaftlichen Potenz einer Redaktion bzw. eines Verlages ist, ob man sich juristische Auseinandersetzungen mit den angegriffenen Instanzen leisten oder Einschüchterungsversuche parieren kann.

7. Was ist investigativer Journalismus?

Gemeinhin wird darin die aufwändige, hartnäckige Recherche gesehen, die zur Aufdeckung von Missständen mit großer öffentlicher Relevanz führt. Doch: Auch für eine gute, fundierte Reportage braucht es die intensive Recherche. Da nicht wenige Journalisten das Etikett „investigativ“ mitunter wie eine Monstranz vor sich hertragen, wäre ich schon deshalb dafür, grundsätzlich eher von Recherchejournalismus zu sprechen.

8. Was ist der Journalismus der Zukunft?

Ich bin davon überzeugt, dass die reine Nachricht als mediale Ware immer verderblicher werden wird. Daher liegt die Zukunft meines Erachtens im Storytelling, im gekonnten Erzählen der Geschichte hinter der Nachricht. Und darin, gesellschaftlich wichtigen Prozessen wie Inklusion oder Bürgerschaftliches Engagement Gesichter und Geschichten zu geben.

9. Die wichtigste Forderung an Journalisten?

Haltung zu zeigen – und zu bewahren. Journalismus sollte der Sache, weniger dem Ego dienen.

10. Ihre Botschaft an Journalistenkollegen?

Wir Journalisten sollten verstärkt nach „draußen“ gehen und den Bürgerinnen und Bürger ganz offen erzählen, wie wir arbeiten, wie wir Nachrichten auswählen und Geschichten machen, wie Recherche funktioniert, auf welche Barrieren wir stoßen, welche Grenzen wir uns setzen, welche wir mitunter überschreiten – also, wie wir ticken.

11. Ihre Botschaft an Mediennutzer/Leser?

Es ist sinnvoll und notwendig, die Medien kritisch zu rezipieren, uns Journalisten auf die Finger zu schauen und Transparenz zu fordern. Kontraproduktiv wären hingegen ein völlig pauschales Misstrauen oder Verschwörungstheorien à la „Die lassen sich alle von der Macht gängeln“. Dazu ist die „vierte Gewalt“ – bei allen bestehenden Defiziten – zu wichtig für die Demokratie.

 

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