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18.07.2018

Geduldige oder ungeduldige Führung: Die Wahrheit liegt in der Mitte

Der RFH-Wissenschaftstalk, organisiert und präsentiert vom Verband DIE FÜHRUNGSKRÄFTE und dem Europa-Institut für Erfahrung und Management – METIS, startete mit dem Thema „Führung und Geduld“ am 20. Juni in eine neue Runde. Wissenschaftler und Führungskräfte diskutierten miteinander über die scheinbar goldene Gabe der Geduld und stellten sich dabei unter anderem die Frage, ob diese Eigenschaft tatsächlich ein Garant für den Erfolg von Führungskräften ist. METIS konnte Bestsellerautor Matthias Sutter für dieses Format gewinnen.

Text: Lisa Humphrey (Studierende Media- und Marketingmanagement)

Der RFH-Präsident Prof. Dr. Martin Wortmann begrüßte das Publikum, die Referenten sowie die Referentin und gab einen kurzen Einblick in das Thema, bevor er das Mikro an Moderator Johannes Büchs übergab, der mit einer guten Portion Humor und Neugier durch einen spannenden Abend führte. Vor Beginn der Diskussion waren zunächst zwei interessante Fachbeiträge zum Thema „Führung und Geduld“ zu hören.

Auf Basis wissenschaftlicher Studien erklärte Prof. Dr. Christof Obermann, Studiengangsleiter für Wirtschaftspsychologie, in seinem Beitrag den wahrscheinlich positiven Zusammenhang zwischen Geduld und Erfolg und outete sich dabei selbst als ungeduldigen Menschen. Eine Studie aus den 1960er-Jahren testete an Kindern des Harvard-Betriebskindergartens, ob Kinder, die Geduld haben, im späteren Leben beruflich erfolgreicher waren als ungeduldige Kinder. Den Kindern wurde eine Süßigkeit angeboten, wenn sie jedoch warten würden, versprach man ihnen eine zweite Süßigkeit. Wie vermutet, waren Kinder, die geduldig warteten und dadurch zwei Süßigkeiten erhielten, im späteren Leben erfolgreicher als die, die nicht warteten. Fünf Persönlichkeitsfaktoren (die „Big Five“) haben Einfluss darauf, ob wir uns zu einer geduldigen oder ungeduldigen Persönlichkeit entwickeln. Diese sind Neurotizismus, Extraversion, Gewissenhaftigkeit, die Offenheit für Erfahrung und Verträglichkeit.

„Auch die Ungeduld hat ihre Berechtigung. Wenn es um Mut, Entscheidungsfreude und Leistungsanspruch an sich selbst geht, dann bringen die ungeduldigen Menschen unter uns die Dinge voran.“ (Prof. Dr. Christof Obermann)

Bestsellerautor Prof. Dr. Matthias Sutter ging in seinem Beitrag insbesondere auf die Fragestellung ein, wie Ökonomen Geduld messen. 100 Euro heute oder 101 Euro morgen? Studien zeigten, dass die Antwort auf diese Fragestellung altersunabhängig ist. Jedoch hatten Jugendliche, die sich sofort für die 100 Euro entschieden, einen höheren BMI, gaben eher Geld für Alkohol und Tabak aus und sparten weniger von ihrem Taschengeld. Einen Appell an die Bildungspolitik richtet Sutter aufgrund der Vielzahl an wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass auch Einkommen, Bildung und IQ einen wesentlichen Einfluss auf die Geduld einer Person haben.

In der anschließenden Diskussion nahmen neben Prof. Obermann und Prof. Sutter auch Anne von Brockhausen als Unternehmerin der NORM.KONFORM GmbH und Mitglied der Wirtschaftsjunioren e. V. sowie Philipp Schollmeyer von der Kölner Regionalgruppe des Verbands DIE FÜHRUNGSKRÄFTE teil. Ausgangspunkt war die aktuelle Lage in der Wirtschaft. Noch schnell ein Projekt durchbekommen, um Zahlen geradezurücken?

Das scheint heutzutage eine gängige Methode zu sein. Der hohe Druck führt zwangsläufig zu Ungeduld unter Führungskräften. Aber führt Ungeduld auch grundsätzlich zu Unzufriedenheit? Die Referenten kamen zu dem Schluss, dass Geduld durchaus positive Aspekte beinhalten kann: Andere warten zu lassen, kann die Möglichkeit verbergen, Energie für eine neue Handlung zu sammeln und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Geduld kann ein Zeichen von Selbst- und Impulskontrolle sowie Disziplin darstellen. Doch Ungeduld ist nicht per se eine schlechte Eigenschaft. So sind Menschen, die schnelle Entscheidungen treffen, oft glücklicher.

„Ungeduld kann hilfreich sein, wenn es darum geht, den Absprung aus einem Thema zu finden, das sich als unrealistisch oder zu schwierig erweist. Schließlich ist niemandem geholfen, wenn man sich an einer Stelle festbeißt, an der es nicht weitergeht.“ (Philipp Schollmeyer)

Die Diskussion hat einen interessanten Einblick in die unterschiedlichen Facetten und Perspektiven der Geduld im Kontext des Arbeitslebens gegeben, doch wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte.

„Ich fand den Austausch zwischen Praktikern und Wissenschaftlern ausgesprochen anregend!“ (Prof. Dr. Matthias Sutter)

Abschließend bedankte sich Prof. Dr. Bruns, Leiter des METIS-Instituts, mit einem Schlusswort bei den Referenten und der Referentin sowie für die Aufmerksamkeit des Publikums.

 

Interview zum Thema Führung und Geduld mit Philipp Schollmeyer
Interview: Beate Czikowsky

Herr Schollmeyer, warum arbeiten Sie als Verband DIE FÜHRUNGSKRÄFTE mit dem METIS-Institut der RFH zusammen?
Der Verband DIE FÜHRUNGSKRÄFTE hat sich den beruflichen Erfolg seiner Mitglieder auf die Fahne geschrieben. Erfolg kommt in der Regel nicht über Nacht, sondern ist unter anderem das Resultat eines kontinuierlichen Lern- und Anpassungsprozesses. Gerade wenn es über die Aufgabenstellungen der reinen Sachbearbeitung hinausgeht, spielt dabei auch die persönliche Entwicklung zunehmend eine Rolle. Und diese findet nicht im stillen Kämmerlein statt, sondern immer in Netzwerken und im Austausch mit anderen. Da sich das Metis-Institut sehr erfolgreich mit dem Transfer von (Erfahrungs)-Wissen zwischen Hochschule und Unternehmen sowie innerhalb von Unternehmen auseinandersetzt, verfolgen wir hier ein gemeinsames Ziel. Insbesondere auf Veranstaltungen wie „Führung und Geduld“ bieten wir den Studierenden des Metis-Instituts und unseren Mitgliedern die Möglichkeit zum Austausch und zum Ausbau der Netzwerke.

Warum ist Geduld für Führungskräfte wichtig?
Bis die Führungskraft in ihrer ersten Führungsrolle angekommen ist, gibt es viel zu tun. Da ist zum einen die fachliche Qualifikation, die oft mit einem Studium verbunden ist. Und daneben gibt es natürlich die persönliche Komponente. Beides kommt nicht über Nacht, sondern ist Teil eines Entwicklungsprozesses, der nicht mit dem Erreichen der Führungsposition aufhört. Ohne Fleiß kein Preis. Dabei gilt es auch anzuerkennen, dass gewisse Prozesse ihre Zeit benötigen. Bevor ich also die Früchte meiner Bemühungen ernten kann, muss ich oft erstmal investieren und mich gedulden. Insbesondere wenn Rückschläge das Weiterkommen verzögern. Und genau dann heißt es: Dranbleiben.

  Wie steht es mit Ungeduld?
Ungeduld ist per se keine schlechte Emotion. Und oft hat die Ungeduld auch einen konkreten und berechtigten Anlass. Und zwar dann, wenn es nicht vorangeht. Jeder kennt das, wenn es zum Beispiel im Stau nicht weitergeht. Also, da wo es harkt, gilt es, dies zu hinterfragen, Lösungen zu finden und wieder Fahrt aufzunehmen. Hierbei kann ein gewisses Maß an Ungeduld die notwendige Energie liefern. Wichtig ist jedoch, sich nicht blind von Ungeduld leiten zu lassen, sondern diese zu erkennen und innerlich zu modulieren. Unreflektiert nach außen getragene Ungeduld führt zu Stress bei den Mitarbeiter*innen und letztendlich auch bei der Führungskraft selbst. Das ist ungesund für beide Seiten.

Gute Führungskräfte brauchen also beides?
Ja. Sie brauchen Geduld, um langfristige Ziele zu erreichen. Ungeduld kann helfen, kurzfristige Abweichungen vom Ziel zu erkennen und zu korrigieren. Sie kann auch hilfreich sein, wenn es darum geht, den Absprung aus einem Thema zu finden, das sich als unrealistisch oder zu schwierig erweist. Schließlich ist niemandem geholfen, wenn man sich an einer Stelle festbeißt, an der es nicht weitergeht.
 
Was sollten Unternehmen zur Führungskräfteentwicklung tun?
Aus meiner Sicht spielt die Unternehmenskultur eine große Rolle. Moderne, kennzahlengestützte Controllinginstrumente machen den Zustand der Prozesse teilweise schonungslos transparent. Wie geht ein Unternehmen aber mit Abweichungen um und wie viel Zeit gesteht es sich und den Mitarbeiter*innen zu, diese zu beheben? Dabei kommt den Führungsprozessen auf den oberen und mittleren Führungsebenen eine große Rolle zu. Das Thema „Fehlerkultur“ ist in diesem Kontext von besonderer Relevanz. Kreativität und Initiative der Mitarbeiter*innen lassen sich nur in einem sicheren und berechenbaren Umfeld entwickeln.

Herr Schollmeyer ist ehrenamtlich im Vorstand der Regionalgruppe Köln des Verbandes DIE FÜHRUNGSKRÄFTE aktiv und betreut die Kooperation mit dem METIS-Institut der RFH. Hauptberuflich arbeitet er als Instandhaltungsingenieur in einer Teamleiterposition bei der RWE Power AG.

 

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