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05.01.2018

Mit Charisma erfolgreich führen

Charismatische Führungspersönlichkeiten verstehen es, Menschen hinter einer Vision zu vereinen und können so Organisationen wirkungsvoll auf gesetzte Ziele hin ausrichten. Welche Phänomene führen also zu Charisma? Und wie kann es gelingen, diese Phänomene für alltägliche Führungsaufgaben einzusetzen? Am 14.11.2017 lud das „Europainstitut für Erfahrung und Management – METIS“ im Rahmen des Wissenschaftstalks Wissenschaftler und Führungskräfte von Unternehmen ein, um im gemeinsamen Gespräch das Thema „Führung und Charisma“ näher zu beleuchten.

 

Vizepräsident für den Bereich Wirtschaft & Recht, Professor Dr. Matthias Müller-Wiegand und Mitveranstalter Philipp Schollmeyer vom Verband Die Führungskräfte hießen Publikum, Referenten und Podiumsgäste herzlich willkommen und ließen sie an ihrer gespannten Erwartung in Bezug auf das „spannende Thema“ (Prof. Dr. Müller-Wiegand) teilhaben, das im wahrsten Sinne des Wortes über „Ausstrahlkraft“ (Philipp Schollmeyer) verfüge.

Charismatischer Retter durch Krisen
Als theoretische Bezugspunkte für die Debatte dienten die Theorie Max Webers („Soziologie der Herrschaft“), über die Dr. Ulrich Bachmann vom Max-Weber-Institut für Soziologie der Universität Heidelberg referierte sowie Aspekte der Führungspsychologie, mit der Dr. Joël Binckli vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie von der Universität Köln die Ausführungen Bachmanns ergänzte. Weber spricht in der Soziologie der Herrschaft nicht von charismatischer Führung, sondern von einer charismatischen Herrschaftsbeziehung, worin der Charismaträger als Herrscher fungiert, der mit den Charismagläubigen, dem Volk, in einer Herrschaftsbeziehung steht. Die charismatische Führung unterscheidet sich von anderen Herrschaftsformen, indem Herrscher Visionen verfolgen. Zur Etablierung der Herrschaft benötigt der Herrscher eine Situation innerer oder äußerer Not, eine Krise, die er konstruiert. Durch die Kombination von Krise und kommunizierter Vision erscheint er den Beherrschten als Retter aus der misslichen Lage.

Dr. Binckli erläutert charismatische Führung als Schlüssel-Schloss Prinzip: Erwartungen und Wünsche werden auf die Führungskraft projiziert (Schloss) und erfüllt (Schlüssel). Dabei entsteht charismatische Führung laut Führungstheorie in einem mehrstufigen Prozess und ist häufig erst in der Rückschau oder durch Bewertung anderer Personen identifizierbar:

• durch die (kontinuierliche) Analyse des Unternehmens durch die Führungskraft und das Aufdecken von Unzulänglichkeiten
• durch die Formulierung einer Vision (ggf. in einer Krise), die den Status quo dramatisch ändern kann und durch die Kommunikation dieser Vision. Die Führungskraft erscheint dadurch wie ein Retter.
• durch den Aufbau von Vertrauen und Engagement seitens der Führungskraft, durch gezeigte Risikobereitschaft und unkonventionelles Führungsverhalten, aber auch durch Verständnis und Sorge um die Bedürfnisse der Mitarbeiter. Der Charismatiker gilt somit als Vorbild für seine Mitarbeiter.
• durch Erzielen der Vision über unkonventionelle Herangehensweisen und Rollenmodellierungen

Zur Frage, ob Charisma erlernbar ist, gibt es unterschiedliche Ansichten: Führungserfolg ist generell nicht unabhängig von der Persönlichkeit zu betrachten, einige Faktoren können durchaus trainiert werden: Selbstbewusstsein, Einfühlsamkeit/Achtsamkeit, die Entwicklung eines eigenen Wertesystems und einer eigenen Vision, die selbstbewusst auch gegen Widerstände vertreten werden. Dr. Binckli weist darauf hin, dass Charisma auch enttäuschen oder negative Assoziationen wecken kann. Er plädiert daher für einen stärkeren Fokus auf Verlässlichkeit und Sachlichkeit in Führungsfragen, die bei langfristiger Betrachtung eher Erfolg versprechend sind als die kurzfristige Orientierung an Charisma z. B. in Krisen. Ziel sollte ein authentisches Führungsverhalten sein, bei dem die emotionalen Bedürfnisse sowohl der Führungskraft als auch der Mitarbeiter berücksichtigt werden.

Erfahrungswerte
Der Überraschungsgast der Veranstaltung, Burkhard Mast-Weisz, Oberbürgermeister der Stadt Remscheid, berichtete in der Podiumsdiskussion ganz praktisch von der krisenhaften Situation, in der sich die Stadt Remscheid noch immer befindet. Zum Zeitpunkt, als er das Amt des Oberbürgermeisters übernahm, betrug die Schuldenlast über 630 Millionen Euro. Es hieß nur „sparen, sparen, sparen“, so Mast-Weisz. Heute liegen die Schulden bei 590 Millionen Euro. Seine Vision: „Stolz sein auf Remscheid.“ Mast-Weisz rückte daher die Stärken der Stadt in den Vordergrund und richtete demnach nicht den Fokus auf Unzulänglichkeiten. Das geplante Outlet-Center, das 2020 eröffnen soll, bietet die Chance, mehr Menschen auf die Stadt aufmerksam zu machen. Zwar liegen gegen das Projekt Klagen aus dem Umfeld und einer Nachbarstadt vor, Mast-Weisz glaubt aber an den Erfolg des Projekts. Am Ende der Veranstaltung resümierte er: „Mit meinem Amt das Thema Charisma zu verbinden, in den unterschiedlichen Interpretationen, da weiß ich gar nicht, ob das mein Ziel ist. Wenn wir es schaffen, in den nächsten Jahren, aus einem halbleeren ein halbvolles Glas zu machen, aus einer Stadt, in der nix passiert ist in den Köpfen der Menschen – wenn wir sagen, wir sehen das Potenzial und nicht die Sorgen, dann habe ich eine Menge erreicht. Und ob Sie das dann mit Charisma verbinden oder mit der Führungsaufgabe eines politischen Beamten, das kann man so oder so sehen.“

Erfolg durch Herausforderung und Krise
Auch zwei weitere Führungskräfte nahmen an der Debatte teil: Giordana Doppstadt, Abteilungsleiterin im Board Office, Change & Diversity, bei der RWE AG und Martha Giannakoudi, Vorsitzende des Verbandes der deutschen Unternehmerinnen (VdU), Landesverband Rheinland. Gemeinsam erörterten sie – auch unter Einbeziehung des Publikums – einzelne charakteristische Elemente aus der Führungstheorie und überprüften sie an der Wirklichkeit. Insbesondere der Begriff „Krise“ wurde aufgegriffen und „weitergedacht“. So kam im Verlauf des Gespräches die Frage auf, ob eine Krise zwingend vonnöten sein muss oder ob es nicht ausreiche, Menschen aus der Begeisterung heraus zu motivieren. „Warum brauchen wir immer eine Krise, um Leute zu motivieren?“ fragte Burkhard Mast-Weisz.
Laut Binckli müsste man die Theorie und die Praxis voneinander unterscheiden. In der Praxis wäre eine Krise nicht zwingend nötig, ihr Vorhandensein erhöhe aber die Erfolgschance für eine charismatische Führung. Dem pflichtete auch Martha Giannakoudi bei: „Es gibt ein griechisches Sprichwort: ‚Der gute Käpt'n auf See zeigt sich beim Sturm‘. Jedes Mal, wenn wir durch Herausforderungen, Rückschläge und Krisen gegangen sind, sind wir besser geworden – sind daran gewachsen und hatten Erfolg.“

Einen interessanten Aspekt brachte Giordana Doppstadt im fortgeschrittenen Verlauf in die Runde ein: Das Noch-nicht-Vorhandensein einer Krise, aber die Warnung davor, am Beispiel der Afd. Binckli stimmte ihr zu: „Krise kann auch bedeuten, dass man in etwas hineinschlittern wird.“ Eng miteinander verzahnt waren auch die anderen Elemente der Theorien, die in jedem geschilderten Beispiel Erwähnung fanden.

Abschließend richteten Professor Dr. Bruns (METIS) und RFH-Kanzler Thore Eggert jeweils ein Schlusswort an das Publikum. Thore Eggert resümierte: „Ich denke, Charisma oder Authentizität ist ein wichtiges Element. Insbesondere in der digitalen Transformation, denn es geht um die Führung von Menschen. Ich kann Organisationen optimieren, ich kann die Ressourcen in digitale Unterstützung stecken, aber der Mensch ist und bleibt der Schlüssel für eine erfolgreiche Organisation.“
Dr. Bruns wies zudem auf die nächste Veranstaltung des bewährten Formates hin, „Führung und Geduld“, die für Mai 2018 geplant ist.

Das Rahmenprogramm
Einen besonderen Kunstgenuss boten die beiden Talente Laura Ochmann (Milstein/Paganini) und Elias Feldmann (Bach) auf der Violine; beide sind trotz ihres jugendlichen Alters bereits Studierende an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln.

Das Europa-Institut für Erfahrung und Management – METIS ist eine gemeinsame europäische Forschungseinrichtung der FH Burgenland und der Rheinischen Fachhochschule in Köln, die FHS in St. Gallen ist Projektpartner von METIS. Das internationale Institut realisiert wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Forschungsvorhaben zu aktuellen und strukturellen gesellschafts- und unternehmensbezogenen Themen im Zusammenhang mit „Erfahrungen und Management“.

 

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